Sie ist allgegenwärtig und gehört von Geburt an zu uns: Die Angst. Gerade vor Feiertagen haben Menschen mehr damit zu kämpfen, als zu anderen Jahreszeiten. Die Kunst ist es, die Balance zwischen einer gesunden Skepsis und der Freude am Alltag zu halten.

Grundsätzlich ist Angst gesund. Sie schützt uns vor Gefahren und hält uns wachsam. Dauersorgen allerdings blockieren Erfolg und Harmonie. Sie nehmen die Leichtigkeit und Freude im Umgang mit Mitmenschen. Und sie sorgen für Stresshormone im Körper, die langfristig krank machen können.

„Für mich ist Angst ein recht starkes Wort. Aber Befürchtungen habe ich schon viele. Am schlimmsten ist meine Sorge im Geschäft. Ich habe erst vor zwei Jahren eröffnet. Es ist ein ständiger Kampf.“, erklärt Regine, Inhaberin einer Zahnarztpraxis.

Auf Nachfrage nach dem Erfolg, stellt sich heraus, dass ihre Praxis fantastisch läuft. Die Bestellbücher sind voll, doch die Angst vor dem Versagen ist immer da. „Ich liege manchmal nachts wach, weil ich Angst habe, meine Helferinnen nicht mehr bezahlen zu können. Dann überlege ich krampfhaft stundenlang, wie ich die Ausgaben reduziere oder mehr Patienten in die Praxis bekomme.“

Ihre Mitarbeiterin beschreibt eine ganz andere Sorge. „Ich habe immer wieder Angst, krank zu werden, weil die Patienten ständig ihre Bazillen in die Praxis schleppen“, erklärt sie und sieht auf ihre Hände. Deren Kollegin bringt noch ein Thema aufs Tablett. „Mir macht viel mehr Sorgen, wie ich die Arbeit und die Kinder unter einen Hut bekomme, jetzt, wo ich getrennt bin“, fügt sie kleinlaut hinzu.

Der Damm ist gebrochen. Auf einmal rücken alle heraus mit der Sprache. Angst vor diesem, Sorgen wegen jenem, Furcht vor wieder anderem. Schlechtes Gewissen, Schuldgefühle, die Scham davor, etwas falsch zu machen. Sie alle haben damit zu kämpfen. Genau genommen WIR alle.

Gründe für die Angst

Die Liste an Gründen ist schier endlos. Krankheit, Arbeitsplatzverlust, Einsamkeit, alt werden, Tod, Burnout, Versagen, Minderwertigkeitsgefühle, Trennung – allen gemeinsam ist die Befürchtung einer unkontrollierbaren, bedrohlichen Zukunft.

Dazu gehören die Frucht vor negativen Reaktionen der Mitmenschen, dem Verlust einer wichtigen Sache oder Person oder selbstschädigender Konsequenzen, denen man nicht gewachsen sein könnte. Basis für diese Angst-Gedanken-Konstrukte sind unsere Erfahrungen, Medienberichte, Problemgeschichten von Mitmenschen, aber auch die Art, wie wir mit dem Leben grundsätzlich umgehen. Die meisten Befürchtungen sind Illusionen. Wir denken uns aus, was passieren könnte, ohne dass es jemals wirklich geschieht. Dazwischen mischen sich tatsächliche Bedrohungen, wie Trennung, Verlust eines Menschen, Krankheit, Jobverlust oder finanzielle Einbrüche, die nach Lösungen verlangen. Zusätzlich versetzen wir uns gegenseitig in Angst und Schrecken, indem wir mit anderen in Dauerschleifen über unsere Sorgen sprechen. Die Schattenseite ist, dass im Befürchtungsfall im Körper permanent Cortisol, das Stresshormon kursiert. Und das fördert Müdigkeit, Vergesslichkeit, Konzentrationsmangel, Demotivation und Sinnverlust.

Power durchs Gehirn

Angst ist ein Warn- und Schutzmechanismus. Ausgelöst durch einen äußeren Reiz oder einen Gedanken, wird ein Alarmprozess im Gehirn in Gang gesetzt. Die Reaktion des Körpers dient dazu, im Notfall zu flüchten, anzugreifen oder sich zu verteidigen, um negative Konsequenzen zu vermeiden. Das äußert sich körperlich durch Atemnot, Herzklopfen, trockenen Mund, zittern, schwitzen, Harndrang, Durchfall, Übelkeit, schnellem Atmen und erhöhten Blutdruck. Besonders drastisch erfahren wir es beim Auto fahren, wenn für einen kurzen Moment eine Gefahrensituation eintritt und wir innerhalb von Millisekunden in volle Alarmbereitschaft inklusive aller körperlichen Symptome versetzt werden. Stress pur. Das vegetative Nervensystem stellt körperliche Ressourcen für schnelles Handeln mit erhöhter Konzentration und Kraft zur Verfügung. Häufig auch einhergehend mit einer momentanen Schreckstarre oder Lähmung.

Gegenmittel

Furcht versetzt uns in eine Art Wahrnehmungstunnel. Wir können die schönen, positiven, funktionierenden Dinge im Leben nicht mehr wahrnehmen. Zusätzlich verfügen wir nicht mehr über Verhaltensweisen, die wir normalerweise parat haben. Humor, Geduld, Entspannung, Zuhören, Interesse für andere, genießen, Freude. Unsere moderne Gesellschaft bedient sich reichhaltiger Methoden, um die Angst nicht zu spüren. Von Medikamenten, Alkohol, Rauchen, Sport, Essen bis hin zu Mehr-Arbeit, Mehr-Freizeitaktivitäten, Mehr-sozialem Engagement deckt der Mensch die Sorge zu, um sie weniger zu spüren. Wer selbst etwas tun möchte, um wieder besser drauf zu sein, muss verstehen, dass der Weg nicht an der Angst vorbei, sondern mitten durch sie hindurch geht.

Verstehen und Fakten schaffen

Befasst sich das Gehirn mit Befürchtungen, die nicht real sind, fühlt es sich trotzdem so an, als wäre es real. Sofort wird jede Menge Energie freigesetzt, die häufig in einen blinden Aktivismus mündet, um die Angst, Schuld- oder Schamgefühle loszuwerden. Wichtig ist es, in diesen Fällen gar nichts zu tun. Sobald man aus Furcht handelt, kommuniziert oder andere mit hinein zieht, wird sie verstärkt.

Das Prinzip ist, die Angst wahr zu nehmen, zu verstehen, warum sie existiert und dass sie ein Illusion ist, die es gilt zu akzeptieren, ohne ihr auf den Leim zu gehen.

Wo sitzt sie im Körper, was macht sie?
Welcher Gedanke hat sie ausgelöst und welche Gedanken folgen?
Was macht der Atem?

Nach etwa 20 Minuten endet sie meistens. Das Gefühl verschwindet ins nichts, wenn man bewusst damit umgeht. Lassen Sie sie zu und los!

Das Gehirn lernt dadurch, dass keine negativen Konsequenzen eintreten und überschreibt die Angst mit neuen Mustern. Nach einer Weile taucht sie nicht mehr so massiv auf.

Angststörungen oder Phobien sollten Sie mit einem Experten bearbeiten! Haben Sie den Mut, sich Hilfe zu holen. Das Leben wird wieder lebenswert.

Neben der beschriebenen Desensibilisierung ist es hilfreich, die Ursachen zu kennen. Was hat sie ausgelöst (Nachrichten, Zeitung, Kollege, Gedankenszenario)? Wie äußert sie sich? Und woher kommt sie ursprünglich? Also was steckt hinter dem Deckmantel Schuld, Scham oder Angst? Um hier einen Einstieg zu ermöglichen, befassen wir uns mit der Frage: Welche Ängste gibt es überhaupt?

Angsttypen

Hinter den Ängsten liegt meist ein Gedanke, der die Sorgen auslöst. Die Emotion und der Körper folgen nach. Die Ursachen für diese Gedanken liegen in unserer Prägung und unseren Erfahrungen, aber auch in unserem Charakter. Folgende Gedanken könnten der Ursprung sein:

Ich bin unzulänglich, nicht gut genug.

Menschen mit dieser Angst trauen sich selbst nichts zu. Sie verleugnen ihre Fähigkeiten und Eigenschaften. Sie fürchten, dem Leben oder einer Situation nicht gewachsen zu sein, mit allen Anforderungen und der Verantwortung. Sie fühlen sich hilflos und unfähig. Sie passen sich an, schämen sich insgeheim für ihre vermeintliche Schwäche. Meistens stellen sie ihr Licht zu sehr unter den Scheffel oder versuchen ihre Angst mit Witz und Charme zu überspielen.

Ich habe es nicht verdient.

Diese Angst sorgt dafür, dass der Mensch sich permanent kontrolliert und seine Lebendigkeit nicht annimmt. Er ist ernsthaft und opfert sich für andere oder eine Sache auf, um dazu zu gehören. Oder er macht sich in Eigenregie die Lebensfreude kaputt, indem er sich selbst sabotiert, sich nichts gönnt oder überkritisch ist.

Ich bin nichts wert.

Mit dieser Angst befindet sich der Mensch in einem permanenten Zustand von Schuld, der ihm seine Daseinsberechtigung gibt. Er empfindet sich selbst als wertvoller, wenn er viel Schuld trägt und sich permanent ent-schuldigt. Er opfert sich selbstlos für andere auf und bestraft sich selbst mit Leiden.

Ich darf die Kontrolle nicht verlieren.

Diese Menschen entwickeln bei kleinsten Veränderungen ein tiefe Angst vor Kontrollverlust und Hilflosigkeit. Sie halten deshalb starr an Abläufen und Lebensweisen, Einstellungen und Gedanken fest. Verändert sich etwas beißen sie die Zähne zusammen und halten durch.

Ich muss aufpassen, nicht benachteiligt zu werden.

Die Angst vor Mangel äußert sich in einer Gier nach mehr. Mehr Liebe, Erfolg, Abenteuer, Nahrung, Macht, Reichtum, Ruhm und so fort. Dem unstillbaren Hunger nach Mehr liegt eine tiefe innere Leere, ein schwarzes Loch in der Seele zugrunde. Dieses muss gefüllt werden.

Ich verpasse etwas.

Die Angst davor, etwas nicht zu erleben oder zu erreichen, also etwas zu versäumen, führt bei diesen Menschen zu einer gewissen Rastlosigkeit, Risikofreudigkeit und einer großen Ungeduld im Leben. Voller innerer Unruhe und ständig auf der Hut streben sie nach vorne.

Erkennt der Mensch seine Angst, die zuweilen peinlich und schwer zu akzeptieren bzw. ertragen ist, so kann derjenige anders damit umgehen. Tritt sie auf, handelt man nicht, sondern macht sich bewusst, was gerade passiert. Nochmal: Die meisten Befürchtungen sind nicht real, sie sind Illusionen unseres Verstandes und damit nicht unser wahres Wesen. Ist sie verstanden gibt ihr der Mensch nicht mehr den Raum, sondern trainiert sein Gehirn um, indem er sich bewusst für Dinge begeistert, die Spaß machen und sicher erlaubt, so zu sein, wie er ist.

Die Sorge wird niemals ganz weichen, denn sie gehört zum Menschsein dazu, doch das Ausmaß kann auf einen erträglichen Normalzustand reduziert werden. Dann ist Angst zuweilen nicht nur gesunder Schutz, sondern auch der Antreiber, sich im Leben weiterzuentwickeln.

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