
Kontrolle ersetzt keine Resonanz
Juli 3, 2026Führungsarchitektur
Vom Radiergummi zum Vorstandswagen: Warum Eigennutz normal ist und wie Führung ihn steuert
Jetzt musste er also gehen. Jens Spahn, die Karriere vorerst dahin, weil er an sein persönliches Glück gedacht hat.
„Glaubwürdigkeit ist in der Politik das höchste Gut“, kommentierte Bundeskanzler Merz Rücktritt von Jens Spahn im Juli 2026. Immer wenn sich jemand einen persönlichen Vorteil verschafft, sprechen wir von beschädigter Glaubwürdigkeit, von Loyalitätsverlust, von Falschheit.
Vom geklauten Radiergummi bis zum luxuriösen Vorstandswagen holt sich jeder heraus, was geht, je nach Mut und Skrupellosigkeit. Warum beschädigen Mitarbeitende, Führungskräfte und politische Leader das Projekt, das ihnen anvertraut ist? Warum bereichern sich Menschen?
Der eigene Vorteil zählt am meisten
Platt formuliert: Weil sie es können! Das Beste für sich herauszuholen ist ein ganz normales Verhalten. Ob die kopierten Kundendaten vor der Kündigung, Urlaubsrecherche während der Arbeitszeit oder Insiderwissen im Dienst der angestrebten Beförderung, das Muster bleibt dasselbe.
Wann haben Sie zuletzt etwas abgegriffen, die Gelegenheit genutzt, für einen Moment die Moral über Bord geworfen?
Wir zeigen mit dem Finger auf andere, weil sich moralische Überlegenheit gut anfühlt. Je höher die Stellung des Beschuldigten, desto lauter die Schelte. So wird die zehnminütige, nicht ausgestempelte Raucherpause zur Ethik-Debatte. Wir sind heuchlerische Wesen, alle miteinander.
Das Chaos braucht Führung
Unsere Priorität ist das persönliche Glück, das Unternehmen ist nachrangig. Deshalb müssen Menschen geführt werden, damit aus vielen Einzelinteressen kein Chaos wird. Die Alternative wäre, sich der Anarchie zu verschreiben und auf ein natürliches Gleichgewicht zu hoffen.
Der Mensch braucht ein Sinngefühl, Freude an der Arbeit und das Gleichgewicht zwischen Über- und Unterforderung. Wer sich hart einsetzt, möchte belohnt werden. Ist das im (Spar)Plan der Organisation nicht vorgesehen, holt man sich die Belohnung früher oder später in Eigenregie.
- Sich nicht mehr einbringen
- Ein Side-Business aufziehen
- Häufiger krank sein
- Termine nicht mehr halten
- Den Betriebsrat einbeziehen
Signale erkennen und rechtzeitig handeln
Wie steuere ich das Chaos als Führungskraft? Mit Wertschätzung für positives Verhalten und mit Konsequenzen für negatives. Dafür brauche ich Werkzeuge, bereitgestellt vom System der Organisation. Ein nettes Wort, eine gute Bewertung oder Lob verpuffen, wenn die Mitarbeitenden nichts davon haben. Und gute Rhetorik verläuft im Sand, wenn die Führungskraft am Ende keine Butter bei die Fische bringt.
Glaubwürdigkeit erarbeitet sich eine Organisation im Tagesgeschäft, jeden einzelnen Tag. Wer das schafft, braucht kein aufwendiges Employer Branding, kein teures Bewerbermanagement und keine Social-Media-Kampagne. Dann rennen die Bewerber die Bude ein.
Sechs Hebel, um Eigennutz sinnvoll zu steuern
Meine Hypothesen für mehr Ruhe im Chaos, sechs Hebel, mit denen Sie den Eigennutz in produktive Bahnen lenken.
Ein klares Belohnungssystem
Übertragen Sie die Gamification aus der Technik auf Ihre Karrierepfade. Ein transparentes Punktesystem belohnt positives Verhalten sichtbar. Wenn Entwicklung sich lohnt, weil das System klar definiert ist und schwarze Schafe konsequent aussortiert werden, wird Führung wieder einfacher. Viele mittlere Manager haben einen guten Draht zu ihren Leuten und verlieren ihn, weil sie Leistung aus bürokratischen Gründen oder wegen Sparmaßnahmen, die nicht für alle gelten, nicht belohnen können.
Eine gnadenlose Konsequenzkaskade
Leistungsabweichungen haben Folgen. Jeder weiß es, alle werden gleich behandelt, alle erhalten dieselben Konsequenzen.
Offengelegte Gehälter
Gehälter werden an die Aufgaben angepasst, Karrierepfade definieren den Weg nach oben auf der Entlohnungsleiter. Damit versiegt eine der teuersten Nebenbeschäftigungen im Flurfunkt des Unternehmens.
2 Vollzeitstellen · rund 137.000 €
So viel kostet es ein Unternehmen mit 100 Beschäftigten im Jahr, wenn jede und jeder nur zehn Minuten pro Tag über unfaire Bezahlung redet. Zeit, für die kein Produkt und keine Leistung entsteht.
Klare Rollenbeschreibungen
Jeder Mitarbeitende erhält eine klare Rolle und wird daran gemessen. Entwicklung läuft mit System statt mit der Gießkanne. Belohnungen sind Zeit, Geld, Materielles, Weiterbildung oder Auszeichnungen, sie hängen an klaren Aufgaben und werden nicht inflationär gehandelt.
Transparente Entscheidungsspielräume
Menschen brauchen Sicherheit. Die Rahmenbedingungen und Entscheidungsspielräume sind klar definiert. Das Geben und Nehmen ist vereinbart und wird geliefert und eingefordert. Wer zu viel nimmt, verlässt die Gemeinschaft. Wer sich einbringt, wird ordentlich und offiziell belohnt.
Führung, die sich sichtbar lohnt
Führungskräfte erhalten mehr Vorteile als Mitarbeitende. Sie fahren die besseren Autos, bekommen mehr Geld und weitere Vorteile, klar definiert und der Belegschaft bekannt. Führung muss sich lohnen. Der Preis dafür ist absolute Glaubwürdigkeit, ohne zweideutige, heimliche oder merkwürdige Verhaltensweisen.
Der Preis heißt Glaubwürdigkeit
Eigennutz lässt sich nicht wegmoralisieren, er lässt sich strukturieren. Der Unterschied zwischen einer Organisation, deren Mitarbeitende loyal und wertschöpfend agieren, und einer, deren Belegschaft innerlich ausgewandert ist, entscheidet sich an der Klarheit ihres Systems. Der Charakter der Menschen ist in beiden derselbe.
Wer oben sichtbar mehr bekommt und dafür mit voller Glaubwürdigkeit bezahlt, macht den Eigennutz zum Motor. Wer sich die Ausnahme heimlich nimmt, macht ihn zum Sprengsatz.
Ruhe ins Chaos bringen
Wenn Sie Ihr Belohnen und Ihre Konsequenzen auf ein tragfähiges System stellen wollen, sprechen wir darüber.
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