Sie kennen sicher die Menschen, die in jedem Meeting im Mittelpunkt stehen, mit übermotivierter Art ihre Ideen einbringen und anderen dabei nicht zuhören. Sie weisen Kritik vehement zurück, fragen Autoritäten in Grund und Boden und lassen andere nicht ausreden. Jedes Gespräch dreht sich um sie, ihre Errungenschaften, ihre Highlights, ihr Leben, ihre Zukunftspläne. Sie können keine Fehler oder Schwächen zugeben. Sie kämpfen mit allen Mitteln für ihre Ziele. Die Rede ist von Narzissten. Sie stehen auf Bühnen, im Leistungssport, in der Politik, in der Wirtschaft beim Kunden und in den Medien stets erfolgreich und ganz oben da. Doch Narzissmus kann eine Krankheit sein. Die Persönlichkeitsstörung ist nicht zu verwechseln mit Perfektionismus oder Impostor-Phänomen (= die nicht gerechtfertigte Angst erfolgreicher Menschen, dabei ertappt zu werden, dass man eigentlich gar nichts kann).

„Narzisstische Störungen als klinische Diagnosen sind in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen, so dass führende Narzissmus-Forscher von einer „narzisstischen Epidemie“ sprechen.“ (Quelle: http://www.izpp.de/fileadmin/user_upload/Ausgabe_2_2015/Csef_IZPP_2_2015.pdf)

Selbstliebe geht anders

Eines soll hier klar gestellt werden. Narzissmus ist keine Selbstverliebtheit in einem achtsamen, gelassenen, bewussten Sinne. Es ist eine chronische, überhöhte Ich-Bezogenheit bei gleichzeitig unverhältnismässig hohem Anspruchsdenken gegenüber anderen. Zudem überschätzen sich Betroffene in ihren Stärken, nehmen keine Rücksicht auf andere und haben kein Interesse an Empathie, obwohl sie dazu fähig sind.

Die narzisstische Persönlichkeitesstörung ist als Krankheit im ICD-10 eingetragen und ist eine solche, sobald eine gesundheitliche, soziale und berufliche Beeinträchtigung vorliegt und die Krankheit andauert oder wiederkehrt. Das ICD-10 ist das von der WHO herausgegebene Klassifikationssystem für Krankheiten, nachdem sich Ärzte und Therapeuten weltweit, auch in der Abrechnung, richten müssen.

Manipulationsprofi

Das idealisierte Ich-Empfinden ist nicht problematisch, wenn die Person allein ist. Doch sobald sie in Dialog mit der Umwelt tritt, wird diese Idealisierung in Frage gestellt. Das führt zu einem zwanghaften wie kreativen Manipulieren des Umfeldes. Sie wissen genau, was sie wie sagen und tun, um etwas zu erreichen. Kaum eine Geste, ein Wort, eine Handlung sind nicht strategisch und taktisch eingesetzt. Ziele sind der Erwerb von Anerkennung und Bestätigung. Je weiter sich ein Narzisst von sich selbst entfernt, im Dienste dieses Zwangs, desto stärker ausgeprägt sind die Schattenseiten. Dahinter steckt eine gestörte Mutter-Kind-Beziehung.

Wunsch nach Einheit Mutter-Kind

Kinder brauchen in der Prägungsphase (bis 7 Jahre) die Eltern, um Bestätigung zu finden, zu spiegeln und sich zugehörig zu fühlen. Ist diese Entwicklung gehemmt, unterbrochen oder negativ behaftet, behält sich das Kind eine Allmachtfantasie. Es sucht ein Leben lang nach der Erfüllung der Kinderwünsche nach Zuwendung und Zugehörigkeit. Mit allen Mitteln, auf Kosten von Beziehungen, Gesundheit und Lebensqualität. Gleichzeitig wird der Erwachsene zerfressen von Neid und Aggression gegenüber vermeintlich „besseren“. Es entsteht ein permanenter Machtkampf und Gerangel um den Mittelpunkt. Wir müssen allerdings einen normalen Narzissmus von der Persönlichkeitsstörung unterscheiden:

Narzisstisch zu sein ist für sie (Alice Miller, Kindheitsforscherin) etwas Normales, Gesundes und bezeichnet jemanden, der seine Interessen verfolgen kann. Eine narzisstische Störung entsteht laut Miller, wenn ein Kind seine eigenen Gefühle und Interessen nicht artikulieren durfte und später dafür ein „Ventil“ braucht. Das äußert sich meistens in Depression und/oder Gefühlen der Großartigkeit, die aber nur zwei Seiten derselben Medaille darstellen.  Quelle: Wikipedia „Narzissmus“

Narzissten und Selbstwert

Die Psychoanalytiker sind sich nicht 100% einig, doch die Tendenz ist klar. Narzissten leiden unter einem mangelnden Selbstwert. Sie füllen die innere Leere und vermeiden ihre permanente Angst, nicht gut genug zu sein, indem sie um die externe Bestätigung kämpfen. Bleibt diese aus, fallen sie in ein Loch. Mit allen Mitteln wollen sie diesen Schmerz und die Angst, doch nichts besonderes zu sein, nicht fühlen. Wer nichts besonderes ist, bekommt keine Aufmerksamkeit und ist demnach ausgegrenzt und allein. Als Kind auf diese Weise geprägt, entsteht eine Art Todesangst. Das Kind muss sich in den Mittelpunkt der Mutter rücken, um zu überleben. Sei es als Clown/Entertainer, mit herausragenden Leistungen, wahnsinnig innovativen Projekten (Startup), extremen Abenteuern (inclusive Social Media Begleitung), durch Statussymbole oder Titel. Hauptsache sichtbar. Und das ist auf den zweiten Blick kein schönes Leben. Es ist schmerzhaft und anstrengend. Oft erkennen Narzissten diese Problematik und Zusammenhänge erst, wenn sie tief in der Depression, im Burnout oder körperlich krank sind. Solange alles läuft, empfinden Narzissten den Narzissmus, im Gegensatz zur Meinung des Umfeldes, eher als Kompliment, denn als Störung.

Narzissten und Sex

Ein weiteres Symptom ist die Trennung von Sexualität und den Gefühlen von Liebe und Zärtlichkeit. Sex ist die Möglichkeit, bewundert und beneidet zu werden bei gleichzeitiger Verachtung des Objektes. In jungen Jahren ist diese Art der Bestätigungssuche durch wechselnde Sexualpartner noch leicht zu bewerkstelligen. In der zweiten Lebenshälfte wird es schwierig, wenn Alterungsprozesse zu negativen Vergleichen mit jüngeren Gegnern führen. Sexualität wird als Macht- und Manipulationsinstrument eingesetzt.

Man kann den Narzißmus als einen Erlebniszustand definieren, in dem nur die Person selbst, ihr Körper, ihre Bedürfnisse, ihre Gefühle, ihre Gedanken, ihr Eigentum, alles und jedes, was zu ihr gehört, als völlig real erlebt wird, während alles und jedes, was keinen Teil der eigenen Person bildet oder nicht Gegenstand der eigenen Bedürfnisse ist, nicht interessiert, keine volle Realität besitzt (…); affektiv bleibt es ohne Gewicht und Farbe.“ Otto F. Kernberg, Hans-Peter Hartmann: Narzissmus – Grundlagen, Störungsbilder, Therapie. Schattauer Verlag 2006, S. 37.

Narzissmus im Unternehmen

Ist eine Führungskraft narzisstisch geprägt, wird sie vor allem Mitarbeiter in ihr engeres Umfeld ziehen, die ihr schmeicheln und nach dem Mund reden. Das Problem ist, das manche Vision an unrealistischen Größenwahnsinn grenzt, was dem Unternehmen viel Geld und Renommee kosten könnte. Um diese „Visionäre“ zu bändigen brauchen sie im Team kritische und realitätsbezogene „Gegenspieler“, die es wagen, Dinge mutig in Frage zu stellen und Fallstricke offen darzulegen. Das wird die narzisstische Persönlichkeit nicht gut heißen, hat sie doch das Gefühl, nicht die Anerkennung für ihre Leistung und Ideen zu erhalten, die ihr gebührt. Deshalb sollte ein solcher Sparringspartner von der Person als dieser akzeptiert werden und ggf. die selbe Ebene oder eine Ebene darüber in der Hierarchie einnehmen. Hilfreich kann ein externer Berater sein, wenn dieser vom Narzissten akzeptiert und geschätzt wird.

Narzissten im Team

Narzissten sind nur dann Teamplayer, wenn es ihren Zielen und Bedürfnissen dient. Eine große Herausforderung für die Führungskraft. Wirksam ist es, den Anerkennungssucher durch eben diese Bestätigung zu ködern und am Ball zu halten. Der Vorgesetzte sollte sich mit der einschlägigen Literatur zum Narzissmus befassen. Er sollte wissen, wie er mit diesen Persönlichkeiten umzugehen hat, die enorme Leistungsfähigkeit und Kreativität, aber auch Kommunikationsgeschick und Ausstrahlung vereinen, solange dieser Zug nicht in eine klinische und destruktive Störung abdriftet.

Soziale Medien und Narzissmus

Facebook testet in Australien, was passiert, wenn andere User nicht mehr sehen, wieviel Likes ein Beitrag bekommt. Depression und andere psychische Problematik nehmen zu. Ein Anteil wird den Sozialen Medien zugschrieben. Die permanente Ich-Darstellung führt zu einer suchtartigen Egomanie. Das Erleben anderer in einem vermeintlich perfekten, Highlight-getriebenen Leben, sorgt für eine verminderte Lebensqualität. Man muss mithalten.

Stress und Burnout

„Die Menschen in der modernen narzisstischen Gesellschaft seien sehr unsicher und unzufrieden, jedoch gierig und süchtig auf ihre eigenen Bedürfnisse fixiert. Innerlich seien sie unausgeglichen oder zerrissen und fühlen sich permanent getrieben zu persönlichem oder beruflichem Erfolg sowie dem Erwerb von Statussymbolen. Die narzisstische Persönlichkeitsprägung sei nach Maaz der permanente innere Antreiber, weil der primäre Mangel letztendlich nie gestillt werden kann. So sei der narzisstische Mensch auf einer permanenten Suche und Hetzjagd. Der Narzissmus sei der größte Stressfaktor im Leben überhaupt. (nach Maaz (2012)) Quelle: IZPP. Ausgabe 2/2015. Themenschwerpunkt „Jugend und Alter“. Herbert Csef: „Leben wir in einer narzisstischen Gesellschaft?“

Das sind die Probleme, die in Unternehmen menschlich auf uns zukommen.

1. Nachwuchs, der fachlich sehr gut qualifiziert ist, sozial und emotional allerdings enorme Defizite hat.

2. Eine Übergabe der Unternehmensführung an die nächste Generation, die mit einer massiven narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu kämpfen hat.

3. Durch diese Sehnsucht nach Anerkennung und „Genugsein“ verlagert sich das Prioritätensystem in Unternehmen.

4. Die Mitarbeiter haben hohe Leistungspeaks, aber auch tiefe Ausbrenn-Phasen. Routineaufgaben werden ungern verantwortlich übernommen.

5. Verantwortung für die Gemeinschaft wird zum Problem. Egoistische Ziele führen zu Unzuverlässigkeit und gefährden den Unternehmenserfolg.

6. Eine Neudefinition von Loyalität und Zuverlässigkeit führt zu chaotischen Zuständen in Projekten und beschädigt das Teamklima.

Tipps zum Weiterlesen

Sie wollen mehr zum Thema Narzissmus erfahren? Inklusive Persönlichkeitstest hat mir dieser Artikel gut gefallen:

https://karrierebibel.de/narzissmus/

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