Heute bereits zwei Telefonate mit Hilferufen. Thema: Beziehung/Ehe. Beruf: Manager. Stand: ungewiss. Frage: „Will ich das alles noch?“

Beziehung ist eine Herausforderung. Wir hängen im Alltag fest und wünschen uns jemanden, der uns Heimat, Ankommen, Ruhe und Anerkennung gibt. Aber genau da beginnt das Problem. Wenn aus Wünschen Forderungen oder Erwartungen werden, nimmt das Leid seinen Anfang.

Wünschen

Eine perfekte Beziehung gibt es nicht, aber es darf leicht gehen. Konflikte sollten schnell beigelegt und Bedürfnisse offen kommuniziert werden. Nur ein Beispiel: Er arbeitet vollzeit, sie halbtags (oder umgekehrt). Er kommt am Abend nach Hause, sie kocht gerade. Die Kinder streiten lautstark. Sie sagt „Gut, dass Du kommst, kannst Du bitte…“, eine Reihe Anweisungen folgen. Er: „Oh mann, lass mich doch erstmal ankommen und durchatmen!“ – der Beginn des üblichen, abendfüllenden Streits um Rechte und Pflichten.

Verstehen

Klarer Fall von gegenseitigem Nicht-Verstehen, könnte man meinen. Jetzt gilt es, darüber zu sprechen, richtig? Nicht mitten im Akutfall. Aber danach. Wer hatte gerade welche Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse, als sie aufeinanderprallten? Wie hat es sich angefühlt? Was hätte jeder gebraucht? Beide sind in diesem Gespräch optimalerweise im „Ich will Dich wirklich verstehen“-Modus. Aber ist das wirklich alles?

Sehnsucht

Wir sehnen uns nach mehr Tiefe, Freiheit, Leichtigkeit, Ekstase….statt oberflächlichem Alltagstrott und digitaler Sekundbefriedigung. Und da beginnt die eigenliche Reise. Im Grunde ist jeder Partner genau der richtige zum richtigen Zeitpunkt. Denn gerade die am nahe stehendsten Menschen sind unsere besten Spiegel. Wir sehen uns selbst durch die Augen des Gegenüber. So ist jede Form von Schuld- oder Fehlerzuweisung immer auch die Chance für einen Blick auf sich selbst. Ein Beispiel:

Vorwurf an den Partner: „Du gibst mir nicht genug Nähe. Ich fühle mich am ausgestreckten Arm verhungert!“
Reflektion für sich: „Wann gebe ich mir nicht genug Nähe? Lasse ich die Nähe für meinen Partner zu? Was würde mir mehr Nähe an Vorteilen bringen? In welchen Dingen lasse ich meinen Partner am ausgestreckten Arm verhungern? Was erwarte ich von meinem Partner, das ich mir nicht selbst geben kann?

Erst, wenn diese Fragen an sich selbst beantwortet sind, wird das Gespräch mit dem Partner gesucht. 99% der Gespräche erübrigen sich und Konflikte entstehen gar nicht erst.

Hinter den Kulissen

Häufig sind Paare so darin vertieft, beim anderen den Haken zu finden, dass sie das Hier und Jetzt nicht mehr genießen können. Sie sehen im Partner nicht das, was ist, sondern das Wort Case Szenario. Es erscheint leichter, eine Beziehung oder Ehe zu beenden, als sich damit auseinanderzusetzen, welcher innere Schmerz oder Mangel getriggert wurde. Letztere haben ihren Ursprung in der Vergangenheit. Wir projizieren den Wunsch nach Linderung und die unerfüllten Sehnsüchte auf einen anderen Menschen und ziehen uns damit aus der Verantwortung. Wer sich für seine eigenen Gefühle verantwortlich zeichnet – ohne sich in die „Alles meine Schuld“-Opferhaltung zu verkriechen – wird anders sprechen, anders lösen und anders lieben!

Wechselspiele

Ein neuer Partner würde recht schnell die gleichen Muster entwickeln. Du begegnest so lange der gleichen Erfahrung, bis Du sie IN DIR gelöst hast.

Wer ist richtige Partner für mich?

P.S.: Inzwischen denke ich anders über das Thema „Gegensätze ziehen sich an“. Ich bin der Ansicht, dass wesentliche Werte der Partner übereinstimmen müssen, um Krisen gemeinsam zu meistern. Außerdem müssen beide offen sein für die Erfahrungen und Erkenntnisse des anderen. Zusätzlich braucht es den Willen, gemeinsam zu lernen und auch gemeinsam mal die Füße still zu halten, wenn eine schwierige Phase das Vertrauen ineinander erschüttert hat. Ungeduld ist fehl am Platze in einer Partnerschaft.


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